“QUILTY: Ist ein lieber Hund, nicht?
LOLITA: Ich mag Hunde.
QUILTY: Nun, er gehört mir. Er mag dich auch. Er mag nicht jeden.
LOLITA: Wen kann er leiden?
QUILTY: Er riecht es, wenn jemand lieb ist. Er mag liebe Menschen. Nette, junge Menschen – wie dich.”

Clare Quiltys erste Begegnung mit Lolita (Lolita, 1997)

Clare Quilty ist der, überwiegend aus dem Verborgenen heraus agierende, Antagonist im skandalumwitterten Roman Lolita des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov (*1899; †1977) aus dem Jahr 1955.
Zudem ist er der de-facto Hauptantagonist in den auf dem Roman basierenden Filmadaptionen aus den Jahren 1962 und 1997, obwohl das Buch wegen seines kontroversen Inhalts lange als unverfilmbar galt.

Er ist ein populärer, von der Öffentlichkeit gefeierter Dramatiker, dessen private Leidenschaft jedoch pubertären Mädchen gilt, mit denen er in seiner Villa Pornofilme dreht und der sich die Schwärmerei der frühreifen zwölfjährigen Titelfigur Dolores “Lolita“ Haze zunutze macht, um sie von ihrem, nicht minder missbräuchlichen, Stiefvater Humbert fortzulocken.

In der ersten Adaption des Romans von Regie-Genie Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962 wurde Quilty als redseliger, mit verbalen Zweideutigkeiten um sich werfender, Exzentriker interpretiert und vom wandlungsfähigen britischen Schauspieler und Komiker Peter Sellers (*1925; †1980) dargestellt und in der deutschen Synchronisation von Georg Thomalla (*1915; †1999) gesprochen.

Die Neuverfilmung des britischen Regisseurs Adrian Lyne von 1997 dämonisiert den Charakter des Clare Quilty deutlich stärker und skizziert seine abgründige Seite um einiges expliziter als die, wegen der strengen Zensurbestimmungen der späten 1950er- und frühen 1960er Jahre inzwischen etwas verstaubt-bieder anmutende Erstverfilmung. Verkörpert wurde er vom US-amerikanischen Charakterdarsteller Frank Langella (*1938) und in der deutschen Übersetzung von Bert Franzke (*1946) synchronisiert.

Charakterbiographie

Vorgeschichte

Quilty verunsichert Humbert - Lolita, 1997.

Der hochkultivierte Dramatiker Clare Quilty ist in Neuengland eine regelrechte Berühmtheit und gilt als Star der literarischen Welt. Zudem tritt er regelmäßig in Radiosendungen auf und fungiert als Werbeträger der Zigarettenmarke “Drome“. Als distinguierter Gentleman bewegt er sich mühelos in der gesellschaftlichen Upper-Class und pflegt Kontakte zu einflussreichen Persönlichkeiten, Schauspielern, Künstlern und Politikern.

Hinter seiner weltgewandten, glänzenden Fassade verbergen sich jedoch finsterste Abgründe. Ohne Zurückhaltung widmet er sich privat seiner parthenophilen Obsession für frühpubertäre Mädchen, die er in seinem luxuriösen Herrensitz “Pavor Manor“ in Parkington missbraucht, zum Mitwirken an selbstgedrehten Pornofilmen nötigt und zur Teilnahme an regelrechten Gruppensex-Orgien zwingt.

Seine erstklassigen Kontakte schützen ihn dabei vor ernsthafter strafrechtlicher Verfolgung, obwohl seine “Schwäche für kleine Mädchen“ als allgemein bekannt gilt. Tatsächlich brüstet Quilty sich, dass er sich den Polizeichef gefügig gemacht hat, da er einige Geheimnisse von diesem kennt, die besser nicht das Licht der Öffentlichkeit erreichen sollten.

Lolita

Quilty wartet auf seine Gelegenheit - Lolita, 1997.

Auf einer seiner Reisen begegnet er in einer Hotel-Lobby zufällig der frühreifen zwölfjährigen Dolores Haze, die von ihrem ebenfalls auf “nymphenhafte Kindfrauen“ fixierten Stiefvater Humbert Humbert “Lolita“ genannt wird, und findet umgehend Gefallen an ihr. Quilty, der sofort bemerkt, dass Humberts Hingabe an das Mädchen nicht nur väterlicher, sondern sehr wohl auch sexueller Natur ist, beginnt ein manipulatives Katz-und-Maus-Spiel, um den Literaten Humbert zu verunsichern und nebenbei Lolita um den Finger zu wickeln.

Zwei Jahre später, als Humbert, der mit Lolita quer durch die Vereinigten Staaten gereist ist und dabei ein missbräuchliches sexuelles Verhältnis mit ihr aufgebaut hat, seine Professur am College der neuenglischen Kleinstadt Beardsley angenommen hat, rückt Quiltys Stunde näher. Gleich einer Spinne, die in ihrem Netz auf eine besonders appetitliche Beute lauert, hat er das Mädchen nie aus den Augen verloren.

Wie ein dunkler Schatten ist er den beiden überallhin gefolgt und findet diebisches Vergnügen daran, unbemerkt von Humbert, jedoch genau vor seiner Nase, um Lolita herumzuschleichen. Er hat sogar ein Jugend-Theaterstück mit einer eigens für Lolita geschriebenen Rolle verfasst, welches voller Begeisterung am Beardsley College einstudiert wird. In diesen Tagen kommt es zu mehreren heimlichen Treffen mit ihr, die der zunehmend neurotische Humbert nur indirekt entdeckt als er erfährt, dass sie dafür ihre Klavierstunden schwänzt.

Objekt der Begierde

Quilty manipuliert Humbert - Lolita, 1997.

Nachdem ein Streit eskaliert ist, flüchtet sie zu ihm, woraufhin er seinen Augenblick gekommen sieht, sich das Mädchen endgültig unter den Nagel zu reißen. Quilty tüftelt zusammen mit Lolita den Plan einer weiteren Rundreise nach einer von ihm festgelegten Route aus. Als unentwegter Verfolger zermürbt er Humbert, der sich nach wie vor fürchtet aufzufliegen, immer mehr und mehr. Als Lolita wegen einer Virusinfektion eine Nacht im Krankenhaus verbringen muss, schlägt Quilty zu und nimmt sie mit.

Für Humbert hinterlässt er die spöttische Nachricht, Onkel Gustave habe sie abgeholt und zu Großvaters Haus gebracht. Obwohl dieser sich nun seinerseits sofort an Quiltys Fersen heftet, kann er Humbert schlussendlich erfolgreich abschütteln.

Zurück in “Pavor Manor“ will er auch Lolita zur Teilnahme an Pornofilmen zwingen und offenbart, dass sie ernsthaft für ihn schwärmt, für ihn lediglich ein weiteres Objekt der Begierde ist. Kurze Zeit später schmeißt er sie einfach hinaus, nachdem sie sich geweigert hat, “seine Gäste“ oral zu befriedigen.

Quiltys Strafgericht

Quilty erschossen - Lolita, 1997.

Weitere drei Jahre später, am Morgen nach einer durchgefeierten Nacht, steht unvermittelt Humbert in seiner Tür. Nachdem Lolita, die inzwischen verheiratet und hochschwanger ist, Kontakt zu ihm aufgenommen-, ihn um finanzielle Unterstützung gebeten- und ihm alles, was geschehen ist, erzählt hat, Will Humbert ihn nun zur Rede stellen und erschießen.

Quilty, der sich zunächst völlig unbeeindruckt zeigt, versucht ihm den Revolver zu entreißen und nach kurzer Rangelei um die Waffe, fährt er nochmals sein ganzes manipulatives Geschick auf und offenbart dabei sein ganzes abstoßendes Wesen als er Humbert alle möglichen sexuellen Vergnügungen und ungestrafte Perversionen im Austausch für sein Leben in Aussicht stellt.

Humbert, jedoch fasst sich und richtet Clare Quilty mit mehreren Schüssen des Revolver hin.

Erscheinungsbild & Persönlichkeit

Quilty auf einem Werbeplakat für Dromes-Zigaretten - Lolita, 1962.

Der geheimnisvolle, manipulative und vollkommen korrupte Clare Quilty ist gewissermaßen Humberts dunkles Spiegelbild. Sie beide teilen dieselbe literarische Veranlagung, sind gebildet und kultiviert und beide teilen sie ihre ungesunde Obsession für “nymphenhafte“ Kindfrauen. Während aber Humbert unter seinen Begierden leidet, permanent zwischen Furcht, Begehren und schlechtem Gewissen hin und hergerissen ist und Lolita sklavisch anhimmelt und zu einer regelrechten Traumgestalt hochstilisiert, sieht Quilty in ihr lediglich eine Gelegenheit seine Triebe zu befriedigen und verstößt sie einfach, als sie sich nicht für demütigende Pornographie hergeben will.

Im Gegensatz zu Humbert, der seinen Kindesmissbrauch als “Liebe“ rechtfertigt, verzichtet Quilty auf jedwede Romantisierung und entspricht mehr dem, ungehemmt seine Neigungen auslebenden Sexualstraftäter. Er lebt seine Vorlieben relativ ungeniert aus, wobei ihm sein beruflicher Erfolg, sein Wohlstand und der damit einhergehende Einfluss sehr zugutekommen, denn obwohl seine “Schwäche für junge Mädchen“ weithin bekannt ist, bewahrte ihn seine Prominenz und sein gesellschaftlicher Statur vor juristischen Repressalien.

Die Abgründigkeit und Gefährlichkeit Quiltys tritt insbesondere bei seiner finalen Begegnung mit Humbert zutage, bei der er einmal mehr versucht, ihn zu manipulieren und ihm allerlei perverse Verlockungen wie beispielsweise die Enkeltöchter seiner Haushälterin in Aussicht stellt.

Auftritte

Quilty auf einem Werbeplakat für Dromes-Zigaretten - Lolita, 1997. (Design: Eric Rosenberg, Portraitzeichnung: Daniel Adel)

  • 1955: Lolita – Roman von Vladimir Nabokov
    Erstveröffentlicht in englischer Sprache im Verlag Olympia Press. Die deutsche Übersetzung von Helen Hessel, Maria Carlsson, Kurt Kusenberg, H. M. Ledig-Rowohlt, Gregor von Rezzori & Dieter E. Zimmer erschien 1959 im Rowohlt Verlag.
  • 1962: Lolita – Schwarz-Weiß-Film von Stanley Kubrick
    Erste filmische Bearbeitung des Stoffes nach einem Drehbuch von Nabokov selbst, sowie von Kubrick und James B. Harris.
    Die Titelrolle spielte die damals sechzehnjährige Sue Lyon, Humbert Humbert wurde vom Charakterdarsteller James Mason verkörpert und Clare Quilty wurde vom Komiker Peter Sellers dargestellt.
  • 1997: Lolita – Farb-Film von Adrian Lyne
    Neuverfilmung des Romans nach einem Drehbuch von Stephen Schiff.
    Die Titelrolle spielte die damals siebzehnjährige Dominique Swain, Humbert Humbert wurde vom Charakterdarsteller Jeremy Irons dargestellt und Clare Quilty wurde vom Bühnen- und Filmschauspieler Frank Langella verkörpert.

Zitate

“QUILTY: Wo zum Teufel haben Sie die Kleine her?
HUMBERT: Wie bitte?! Was sagten Sie?!
QUILTY: Ich sagte, mit dem Sommerwetter ist es nicht weit her.
HUMBERT: … Sieht ganz so aus.
QUILTY: Wer ist das hübsche Mädchen?
HUMBERT: Ähm… das ist meine Tochter.
QUILTY: Sie lügen – das ist sie nicht.
HUMBERT: Was?!
QUILTY: Ich sagte, hier ist zu wenig Licht!”

Clare Quilty verunsichert Humbert (Lolita, 1997)


“HUMBERT: Kennen Sie vielleicht ein kleines Mädchen, das Dolores Haze heißt? Sehen Sie, ich bin ihr Vater!
QUILTY: Mh, ist doch Unsinn! […]
HUMBERT: Sie war meine Tochter! Sie war mein Kind!
QUILTY: Nun ja, ich habe Kinder selbst sehr gern – und Väter gehören zu meinen besten Freunden!”

Clare Quilty wird von Humbert gestellt (Lolita, 1997)


“Ich habe auch eine bestechliche und sehr zuverlässige Haushaltshilfe […] und die hat nicht nur Töchter, sondern auch noch Enkeltöchter! Und ich weiß auch ein paar Dinge über den Chef der Polizei, die ihn zu meinem Sklaven machen! Legen Sie die Waffe weg! […] Ich habe oben eine einzigartige Sammlung von Erotika! Die Waffe runter! Die Waffe runter! Ich könnte auch veranlassen, dass Sie Hinrichtungen beiwohnen können! Wieviele Menschen wissen wohl, dass der Elektrische Stuhl gelb angestrichen ist?!”

Clare Quilty feilscht um sein Leben und lockt mit diversen Perversionen (Lolita, 1997)


Wissenswertes

  • Ursprünglich sollte in der Neuverfilmung von 1997 der französische Schauspieler Gérard Depardieu (*1948) die Rolle des Quilty übernehmen, ehe Frank Langella besetzt wurde.
  • Frank Langella erfuhr erst im Nachhinein, dass Regisseur Adrian Lyne in Quiltys Sterbeszene eine vollständige frontale Nacktaufnahme von ihm im fertigen Film behalten hatte. Er war über alle Maßen verärgert über die Entscheidung Lynes, die entsprechende Passage nicht zu schneiden und ist bis heute [Stand April 2020, Anm.] peinlich berührt, wenn er z. B. in Interviews auf die Szene angesprochen wird.
  • Die Figur des Clare Quilty wurde für Kubricks Filmadaption von 1962 massiv ausgebaut und an Peter Sellers’ Vorliebe, in einer Rolle unterschiedlichste Figuren in Verkleidung zu verkörpern, angepasst.
    Dies verleitete den Journalisten und Drehbuchautor der Neuverfilmung, Stephen Schiff, zu der Aussage “Kubricks Film hätte besser ‘Quilty‘ heißen sollen“, da der Regisseur der Figur des Quilty gestattet habe, “den Film an sich zu reißen“.
    (“Kubrick’s film might better have been titled ‘Quilty‘ since the director had allowed the character of Quilty to take over the movie.“)
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