Le Chiffre ist der Hauptantagonist in Casino Royale, dem ersten James-Bond-Roman des britischen Schriftstellers Ian Fleming aus dem Jahr 1953.

Der ebenso enigmatische wie grausame feindliche Agent im Dienst des sowjetischen Geheimdienstes SMERSH, ist somit der erste Kontrahent des wohl populärsten Geheimagenten der Popkultur des 20.- und 21. Jahrhunderts und wurde bereits mehrfach für Film und Fernsehen adaptiert.

Erstmals wurde er 1954, nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des Romans in einer US-amerikanischen TV-Verfilmung von Charakterdarsteller Peter Lorre (*1904; †1964) gespielt.
In der Komödie Casino Royale von 1967, die inhaltlich kaum noch mit der literarischen Vorlage zu tun hat, inzwischen dennoch aber selbst fast Kultstatus erlangt hat, übernahm Hollywood-Legende Orson Welles (*1915; †1985) den Part.
Zuletzt wurde Le Chiffre 2006, im Neustart der Bond-Filmreihe, vom dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen (*1965) verkörpert.

Charakterbiographie

Vorgeschichte

Über Le Chiffres Vergangenheit ist praktisch nichts bekannt. Erstmals tauchte er 1945 als Häftling im KZ Dachau auf und behauptete, bei der Befreiung durch die Alliierten, an völliger Amnesie zu leiden und nur ein seltsam vertrautes, aber nicht näher bestimmbares Gefühl beim Gedanken an Elsass-Lothringen und Straßburg zu empfinden.

Dank seines Geschickes in Buchführung und Mathematik gelang es ihm bereits Anfang 1946, zum Zahlmeister des, vom sowjetischen Geheimdienst SMERSH kontrollierten Syndicat des Ouvriers d’Alsace, der Gewerkschaft der Schwer- und Transportindustrie im Elsass, abgekürzt SODA, aufzusteigen.

Die Verlockung des Geldes

Le Chiffre foltert Bond - Illustration von Fay Dalton.

Als SMERSH-Agent und Zahlmeister, der uneingeschränkten Zugriff auf sämtliche Einlagen hat, nutzte er die Gunst der Stunde und stahl fünfzig Millionen Francs von Leningrad-Sektion III aus dem Gewerkschaftsfond, um damit die florierende Cordon Jaune-Bordellkette in der Normandie und der Bretagne zu kaufen.

Unter anderen Umständen hätte er mit den Rotlicht-Etablissements reichlich Profit gemacht und das veruntreute Geld längst zurückgezahlt, doch gab es ein unvorhergesehenes Detail, das in seinen Plänen nicht einkalkuliert war. Nur drei Monate später war ein Gesetz erlassen worden, das die Zwangsschließung sämtlicher französischen Bordelle nach sich zog, sowie auch ein pauschales Verbot für den Verkauf und die Verbreitung von pornografischen Schriften und auch für Erotikkinos.
Somit lösten sich all seine Investitionen innerhalb kürzester Zeit in Rauch auf.

Nachdem er sich zunächst in Schadensbegrenzung versuchte und einige diskrete Schmuckverkäufe tätigte und auch seine Immobilien in Antibes veräußerte um an Geld zu kommen, entschloss er sich am Ende, aufs Ganze zu gehen.
Zuletzt stahl Le Chiffre die letzten verbliebenen fünfundzwanzig Millionen Francs aus der Gewerkschaftskasse, um im großen Casino Royale in Royale-les-Eaux, die veruntreute Summe via Glücksspiel beim Baccara wiederzubeschaffen.

Bond, James Bond

Zunächst scheint Le Chiffres Plan perfekt aufzugehen, doch auch hier kommt es anders als er denkt. Der britische MI6, der bereits seit einiger Zeit seine Aktivitäten überwacht und ihn als SMERSH-Agenten entlarvt hat, schickt James Bond, den besten Doppel-Null-Agenten und geschicktesten Kartenspieler des Geheimdienstes aus, um ihm endgültig das Handwerk zu legen.

Anfangs scheint das Glück Le Chiffre hold zu sein und er kann Bond ausnehmen wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans, doch in letzter Sekunde erhält der britische Geheimagent finanzielle Unterstützung durch seinen amerikanischen Kollegen Felix Leiter von der CIA.

Nach mehreren misslungenen Attentatsversuchen auf den britischen Agenten und einer weiteren schweißtreibenden Baccara-Partie, hat Le Chiffre seine letzten Geldreserven an Bond verloren und muss nun fürchten, die Rache SMERSHs zu spüren, sowie sie den Verlust des Geldes bemerken.

Game Over

In einer letzten Kraftanstrengung, das Blatt doch noch zu seinen Gunsten zu wenden, entführt Le Chiffre Bonds Agentenkollegin Vesper Lynd und kann auch den hartnäckigen Geheimagenten selbst in seine Krallen bekommen. Nachdem er sie in eine seiner Villen in der näheren Umgebung geschafft hat, fesselt er den splitternackten Bond an einen Stuhl ohne Sitzfläche.
Anschließend foltert Le Chiffre ihn, indem er mit einem Teppichklopfer und brühendheißem Kaffee seine Hoden malträtiert, um Bond zur Herausgabe des Gewinnschecks in Millionenhöhe zu zwingen.

Gerade als Le Chiffre, zunehmend verärgert über die Verbissenheit Bonds trotz seiner Höllenqualen, ihn als letzte Instanz kastrieren will, stürmt ein SMERSH-Assassine herein. Dieser hat in Windeseile Le Chiffres Handlanger Basil und Kratt eliminiert und rechnet auch kurz und gnadenlos mit ihm selbst ab.

Mit einem gezielten Schuss zwischen die Augen wird Le Chiffre von dem Vollstrecker für seinen Verrat hingerichtet.

Erscheinungsbild & Persönlichkeit

Le Chiffre mit seinem Benzedrin-Inhalator - Illustration von George Almond.

Le Chiffre ist ein dicklicher Mann Mitte Vierzig mit hundertvierzehn Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,71 Metern. Sein Haar ist rötlichbraun, kurzgeschnitten und aus der Stirn frisiert. Er hat auffallend große, dunkelbraune Augen bei denen das Weiß rund um die Iris herum sichtbar ist und einen kleinen, feminin anmutenden Mund mit vollen roten Lippen.
Alles in allem scheint er preußischer oder polnischer Abstammung, mit südländischem Einschlag, zu sein und spricht fließend Französisch, Englisch und gutes Deutsch.

Im Allgemeinen trägt er teure, gutsitzende Kleidung – insbesondere dunkle Anzüge mit zweireihigen Jacketts, um seinen Bauch etwas zu kaschieren. Zudem raucht er starke Zigaretten mittels eines Zigarettenspitzes und benutzt regelmäßig einen Benzedrin-Inhalator.

Er legt nicht nur Wert auf ein ausnehmend gepflegtes Äußeres und exklusive Garderobe, auch in sämtlichen anderen Belangen pflegt er einen übermäßig kostspieligen Lebensstil. Neben gutem Essen und schnellen Autos hat er einen schier unersättlichen Appetit nach schönen Frauen und ist, laut dem Dossier des MI6 ein sexueller Sadist.
Außerdem ist er ein nicht zu unterschätzender Nahkampfexperte und äußerst geschickt im Umgang mit Messern aller Art. Tatsächlich hat er stets drei versteckte Rasierklingen bei sich, im Hutband, im Absatz seines linken Schuhs und in seinem Zigarettenetui.

Auftritte

Roman

  • 1953: Casino Royale – Geschrieben von Ian Fleming, erschienen im Jonathan Cape Verlag.
    Die deutsche Übersetzung von Günther Eichel wurde 1960 im Ullstein Taschenbuchverlag veröffentlicht, wobei die Geschichte seinerzeit teilweise recht drastisch gekürzt wurde und auf Anweisung des Verlages allzu “antideutsche Passagen“ weggelassen werden sollten.
    Eine überarbeitete und erstmals ungekürzte Neuübersetzung von Stephanie Pannen und Anika Klüver erschien 2013 im Cross Cult Verlag.

Filmadaptionen

  • 1954: Casino Royale – Der Fernsehfilm entstand seinerzeit als dritte Episode der ersten Staffel der US-amerikanischen Anthologie-Serie Climax!. Während die Hauptrolle zum CIA-Agenten Jimmy Bond “amerikanisiert“ wurde, ist die Darstellung Le Chiffres erfreulich werkgetreu geblieben. Nur die Folterung im Finale wurde aus zensorischen Gründen entschärft, sodass er, anstatt mit einem Teppichklopfer auf seine Hoden loszugehen, seine Zehen und Zehennägel mit einer Zange drangsaliert.
    Dargestellt wurde Le Chiffre in seiner ersten filmischen Inkarnation vom österreichisch-ungarischen Schauspieler Peter Lorre (*1904; †1964).
  • 1967: Casino Royale – Die, nicht zum “offiziellen“ Hauptkanon der Bond-Filmreihe zählende, von Charles K. Feldman produzierte Komödie, deren Entstehungsprozess gelinde ausgedrückt als chaotisch bezeichnet werden kann, nimmt nur einige wenige Anleihen bei Flemings literarischer Vorlage. Auch Le Chiffres Charakter erfuhr eine drastische Wandlung, sodass er in dieser Version als possenreißender Entertainer portraitiert wird, der spontan, mitten im Casino Royale beginnt, Zauberkunststücke vorzuführen und mit einer Röntgenbrille arbeitet. Auch hier tastet er Bonds Männlichkeit nicht an, sondern foltert ihn stattdessen mit einem regelrechten Feuerwerk an technischen Spielereien.
    In der Komödie wurde Le Chiffre dargestellt von der US-amerikanischen Filmlegende Orson Welles (*1915; †1985).
  • 2006: Casino Royale – Der, unter der Regie von Martin Campbell entstandene, 21. “offizielle“ Bond-Film, der zugleich als den Start der 007-Reboot-Filmreihe markiert, ist wiederum eine werkgetreue Adaption, wobei diverse Elemente, welche in geschichtlichem, technischem oder gesellschaftlichem Sinne inzwischen überholt sind, der Gegenwart der 2000er Jahre angepasst wurden. So ist Le Chiffre kein Gewerkschaftsvorsitzender im Dienst des Sowjetischen Geheimdienstes mehr, sondern betätigt sich als “Privatbankier des internationalen Terrorismus“ und hat Verbindungen zur Geheimorganisation QUANTUM. Auch hat er das Geld seiner Klienten nicht veruntreut, um damit eine Bordellkette zu kaufen, sondern um an der Börse zu spekulieren, nachdem er durch selbstinszenierte Terroranschläge den Aktienmarkt manipuliert hat.
    Die wohl gravierendste Änderung betrifft wohl das spielerische Duell zwischen Le Chiffre und Bond, die hier nicht in Baccara, sondern in Poker gegeneinander antreten. Dafür unterzieht Le Chiffre Bond in dieser Verfilmung erstmals einer werkgetreuen Genitalien-Folter, wobei er allerdings nicht mit einem Teppichklopfer, sondern mit einem verknoteten Tauende auf sein Gemächt einschlägt.
    Dargestellt wurde Le Chiffre vom dänischen Schauspieler Mads Mikkelsen (*1965).

Wissenswertes

Für die Beschreibung von Le Chiffres Äußerem und seines Charakters, ließ Ian Fleming sich vom Erscheinungsbild des britischen Okkultisten Aleister Crowley (*1875; †1947) inspirieren, sowie von dessen “exotischen“ sexuellen Vorlieben.

Bond-Schöpfer Ian Flemings Biograph Henry Chancellor merkte hierzu an:
»Als Le Chiffre sich daran macht, Bonds Hoden mit Teppichklopfer und Tranchiermesser zu bearbeiten, lauert die unheimliche Gestalt des Aleister Crowley im Hintergrund.«
When Le Chiffre goes to work on Bond's testicles with a carpet-beater and a carving knife, the sinister figure of Aleister Crowley is there lurking in the background. «)

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